Perfektionismus – das Streben nach Vollkommenheit

Bezeichnet man jemanden als Perfektionisten, so kann das sowohl einen positiven, wie auch einen negativen Beiklang haben. Die einen verstehen darunter einen Menschen, der ständig getrieben ist, perfekte Leistungen abzuliefern, der dauerhaft gestresst ist, schlecht abschalten kann, nie zufrieden ist und selbst den allerkleinsten Fehler beanstandet (und damit anderen stets auf den Nerv geht). Andere wertschätzen die Genauigkeit und die Ausdauer, die man Perfektionisten zuschreibt und verkünden vielleicht selber mit Stolz und Nachdruck, dass sie „selbstverständlich“ Perfektionisten sind.

Wie so häufig gibt es keine einheitlich verbindliche Definition, was man unter Perfektionismus verstehen kann. Hilfreich, um die positiven und negativen Seiten dieser Einstellung zu verstehen, ist es aber, sich zweier verschiedener Dimensionen des Perfektionismus zu vergegenwärtigen:

  1. Perfektionistisches Streben – hierunter fasst man die Einstellung, stets „das Beste zu geben“ und Fehlerfreiheit als Standard zu setzen – für sich und andere. Damit gehen Eigenschaften, wie beispielsweise Organisiertheit oder Ausdauer einher.
  2. Perfektionistische Besorgnis – hierunter versteht man ein anhaltendes Zweifeln an den eigenen Leistungen, eine sehr hohe Fehlersensibilität verbunden mit der Angst vor negativen Bewertungen der erbrachten Leistung.

Ein ausgeprägtes perfektionistisches Streben mit gleichzeitig gering ausgeprägter perfektionistischer Besorgnis wird dabei als gesunder Perfektionismus angesehen, während ein hoch ausgeprägtes perfektionistisches Streben in Kombination mit einer hoch ausgeprägten perfektionistischen Besorgnis eher als ungesund betrachtet wird.

Das heißt, hohe Ziele, Ansprüche und Standards zu haben, ist nicht unbedingt schlecht. Ganz im Gegenteil, hohe Standards sind in manchen Berufen sogar notwendig und letztlich eine Grundlage für herausragende Leistungen. Wichtig ist nur, dass trotz hoher Ansprüche, mit Fehlern, Minderwertigkeiten und Niederlagen soweit umgegangen werden kann, dass auf Dauer ein gesundes Selbstwertgefühl erhalten bleibt. Schwierig wird es dann, wenn das Streben auf unbedingte Vermeidung von Fehlern und Versagen ausgerichtet ist und wenn die Blickrichtung nur noch darauf ausgerichtet ist, bei sich und anderen Fehler und Unvollkommenheiten zu entdecken. Da nichts perfekt ist, verurteilt sich dieser Perfektionist ständig (und auch andere), möglicherweise beginnt er schwierige Aufgaben, die nicht perfekt zu bewältigen sind, zu verschieben oder traut sie sich erst gar nicht zu – und entfernt sich so immer weiter von seinen hochgesteckten Zielen. Gefühle von Minderwertigkeit, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit können die Folge sein, das Risiko für Depressionen, Ängste und andere psychosomatische Erkrankungen ist hoch.

Perfektionismus ist nicht angeboren. Perfektionismus entwickelt sich – zumeist schon in der Kindheit – über die individuelle Lernerfahrung, dass Leistungen zentral für das Selbstwertgefühl sind und das besondere Leistungen auch besondere Anerkennung und Wertschätzung mit sich bringen. Die Sehnsucht nach Anerkennung schwingt immer mit.

Der Umgang mit Perfektionismus kann nur über Einsicht erfolgen und mit einem achtsamen Umgang mit sich selber: Perfektion ist nicht erreichbar. Es geht darum, trotz hoher Ansprüche mit Fehlern, Niederlagen und Unvollkommenheiten leben zu können, sich nicht als Versager zu sehen, wenn 100 Prozent nicht erreicht werden konnte und sich klar zu machen, dass das permanente Streben nach Höchstleistung auf Kosten von Gesundheit und Zufriedenheit geht.

Leichter gesagt als getan, aber den perfekten Newsletter zu diesem Thema konnten wir auch nicht erreichen.

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